Obwohl die Forderung nach Keuschheit in vielen Kulturen stark kulturell oder religiös begründet wird, hat Keuschheit mehrere sehr profane Vorteile.
Der Verzicht auf Sex verhindert normalerweise eine Schwangerschaft. Daher wird Keuschheit traditionell insbesondere Unverheirateten nachdrücklich empfohlen. In vielen Kulturen ist oder war die wirtschaftliche Situation von allein erziehenden Müttern äußerst schwierig und wird oder wurde durch soziale Ächtung noch verschärft. Für sehr junge Mütter ist auch heute eine Schwangerschaft eine gesundheitliche Belastung. Teenagerschwangerschaften führen oft zu einer Abtreibung.
Heute stehen zumindest in der westlichen Welt effektive Verhütungsmittel wie die Antibabypille zur Verfügung, die eine Schwangerschaft zwar nicht vollkommen ausschließen, deren Wahrscheinlichkeit jedoch stark senken, aber wo diese nicht erhältlich oder bezahlbar sind, ist Enthaltsamkeit auch aus diesem Grund immer noch aktuell.
Trotz des medizinischen Fortschritts ist Aids immer noch eine unheilbare Krankheit. Auch die Verbreitung der klassischen sexuell übertragbaren Erkrankungen wie Tripper und Syphilis nimmt heute in Europa wieder zu. Die Wahrscheinlichkeit, sich mit solchen Krankheiten anzustecken, steigt mit der Zahl der Sexualpartner. Die Keuschheit beider Partner vor und in der Ehe ist ein sicherer Schutz vor einer Ansteckung mit Geschlechtskrankheiten.
Wissenschaftler konnten in den Industriestaaten keine positive Wirkung von staatlichen Präventionsprogrammen auf ungewollte Teenager-Schwangerschaften oder HIV-Neuansteckungsraten feststellen, die sich ausschließlich auf Enthaltsamkeit beziehen.
Uganda ist eines der wenigen afrikanischen Länder, die Erfolge im Kampf gegen AIDS vorweisen können. Diese beruhen auf einem „ABC“-Programm, das Keuschheit (Abstinence), Treue (Be Faithful) mit Safer Sex (use Condoms) kombiniert.
Wird „Keuschheit“ zu einer moralpolitischen Forderung nach „Sittlichkeit“ erhoben, so kollidiert dies mit der Idealvorstellung einer unwillkürlichen und vorbewussten Keuschheit und sie wird erfolgreichen Falls zu einer gängigen „Sitte“. Diese ist daran erkennbar, dass ganz gewisse Haltungen gegenüber Anderen (z. B. das Augensenken, die Verschleierung) zur Vorschrift gemacht werden. Eine solche Moralpolitik kann auch extreme Formen, wie zum Beispiel die Verstümmelung weiblicher Genitalien, annehmen.
Geraten Sitten sexueller Zurückhaltung ihrerseits in einen Parteienstreit, etwa als symbolische Muster, so wird „Keuschheit“ leicht zu einer bloßen Ideologie, z. B. im gegenwärtigen „Kopftuchstreit“ in Frankreich, Deutschland oder der Türkei seit der Jahrtausendwende.
Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Köln setze diese Behörde „nicht darauf, den Jugendlichen Enthaltsamkeit zu empfehlen“, erklärt Elisabeth Pott (Direktorin der BZgA).
Einige christliche Kirchen und Organisationen hingegen sehen Keuschheit als alleiniges Mittel gegen ungewollte Schwangerschaften und sexuell übertragbare Krankheiten, da sie entweder, wie die römisch-katholische Kirche, Empfängnisverhütung prinzipiell ablehnen oder aber im Propagieren von Kondomen eine verkappte Aufforderung zur Promiskuität sehen.
In den USA werden seit 1996 Sexualaufklärungsprogramme vom Staat gefördert, die sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe betonen, wodurch sowohl die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten als auch Teenagerschwangerschaften mit dem dazugehörigen Armutsrisiko verhindert werden sollen (Keuschheitsbewegung). Bezüglich der Wirksamkeit dieser Programme kommen verschiedene Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen: Brückner und Bearman kamen zu dem Schluss, dass Abstinenzerziehung im Primarschulalter keinen Einfluss auf die Ansteckung mit sexuell übertragbaren Krankheiten habe, Santelli et al. kamen hingegen zu dem Ergebnis, dass die Abstinenz im Hinblick auf den Rückgang von Teenager-Schwangerschaften eine ebenso große Rolle spiele wie Empfängnisverhütung.
Gegner dieser Programme vertreten die Ansicht, dass die Jugendlichen dabei zu wenig Informationen über Empfängnisverhütung und sexuell übertragbare Krankheiten erhalten. Auch würde dabei zu wenig Rücksicht auf sexuell aktive und homosexuelle Jugendliche genommen. Weitere Bedenken betreffen Drittweltländer und die Aids-Prävention.
Bereits auf der Internationalen Aids-Konferenz 2006 hatten Fachleute berichtet, dass Abstinence-only-Programme in Entwicklungsländern oder den USA kaum Wirkung zeigen.