Keuschheit (keusch aus lat. conscius, „bewusst“) ist die Bezeichnung für sexuelle Enthaltsamkeit. Im Allgemeinen wird darunter der freiwillige Verzicht auf sexuelle Handlungen verstanden. Das Ideal der gewollten und bewussten Keuschheit geht jedoch weiter.
In der Idealvorstellung bezeichnet Keuschheit das Verhalten einer der sinnlichen Inbrunst (Leidenschaft) durchaus fähigen Person, sich vermöge eines erworbenen Schamgefühls oder kraft eines bewussten Grundsatzes vor Sexuellem zu hüten, seien es auch nur Andeutungen anderer oder eigene Anwandlungen. In vielen Kulturen spielt die Keuschheit eine meist religiöse Rolle. Sie wird häufig speziell von jungen Menschen erwartet (siehe auch Jungfrau).
Den Gegensatz zur Keuschheit, also die Unkeuschheit, bildet die Geilheit (Lüsternheit), die als Wollust (luxuria) in der katholischen Theologie eine der sieben Hauptlaster darstellt, aus denen Sünden entstehen und die man daher auch „Wurzelsünden“ nennt.
Die christlichen Kirchen verstehen unter „Keuschheit“ den bewussten freiwilligen Verzicht auf sexuelle Handlungen bei unverheirateten Partnern, und beim Ehepaar den Verzicht auf sexuelle Handlungen mit jemand anderem als dem Ehepartner. Sie wurde traditionell als christliche Tugend und moralische Anforderung aus dem 6. Gebot (Du sollst nicht ehebrechen) abgeleitet.
Die christliche Ehe gilt nach dem Apostel Paulus als brauchbare Gemeinschaft für die Menschen, die dem sexuellen Drang nicht standhalten können. Die römisch-katholische Kirche prägte hier den Begriff der ehelichen Keuschheit (s. Katechismus der katholischen Kirche, Nr. 2349).
Promiskuität und Ehebruch werden bis heute von allen christlichen Kirchen abgelehnt. Vorehelicher Geschlechtsverkehr oder Partnerschaft Unverheirateter wird heute von vielen toleriert (nicht unbedingt bei Geistlichen), aber als Abweichung vom Ideal der Ehe angesehen.
In neueren Bibelübersetzungen wird der Begriff häufig mit „Selbstbeherrschung“ wiedergegeben.
Die römisch-katholische Kirche setzt Keuschheit nicht mit Enthaltsamkeit gleich. Enthaltsamkeit außerhalb der Ehe ist zwar praktizierte Keuschheit, aber
Die in Beziehung und in die gegenseitige Hingabe der Ehepartner eingebettete Sexualität ist von daher nicht Unkeuschheit, sondern sogar wünschenswert.
Im kirchlichen Zölibat (der Verpflichtung zur Ehelosigkeit von Klerikern und in Formen des geweihten Lebens nach den Evangelischen Räten Versprechen der Ehelosigkeit durch Gelübde -) geht es bei Keuschheit nicht nur den Verzicht auf die Ehe, auf alle sexuellen Handlungen und die Hingabe an sexuelle Fantasien (Keuschheit der Gedanken, vgl. dazu Jesu Aussagen über den Ehebruch in der Bergpredigt (Wer eine Frau anschaut, ihrer zu begehren, …), sondern um letztlich eine persönliche Freiheit, die keinen Zwängen des eigenen Trieblebens unterworfen ist. Keuschheit wird dabei als eine lebenslängliche persönliche und kulturelle Aufgabe gesehen, die persönliches Wachstum, Bildung und Achtung der Menschenrechte voraussetzt.
Anfang der 1990er Jahre entstand in den USA in evangelikalen Kreisen die Jugendbewegung „True Love Waits“, die für Enthaltsamkeit bis zur Ehe eintritt. Daraus entwickelte sich eine internationale Jugendbewegung, die auch im deutschen Sprachraum unter dem Namen „Wahre Liebe Wartet“ vertreten ist.
Eine wichtige Aussage des Koran findet sich in Sure 17:32: Und nahet nicht dem Ehebruch … Darüber hinaus empfiehlt der Islam, jeden unnötigen Kontakt zwischen den Geschlechtern zu vermeiden. Männer werden dazu aufgefordert, ihre Blicke zu Boden zu schlagen (Sure 24:30). Sie sollen sich ebenso keusch wie die Frauen verhalten (Sure 33:35).
Lebenslange Enthaltsamkeit wird im Islam aber abgelehnt, da (nach einem Hadith) die Ehe der halbe Glauben ist und der Koran das Mönchtum ablehnt (Sure 57:27).
In vielen islamischen Gesellschaften ist unter anderem das Kopftuch (oder auch der Schleier) ein symbolisches äußeres Zeichen für den freiwilligen Verzicht auf sexuelle Handlungen zwischen unverheirateten Partnern/Verlobten und beim Ehepaar für den Verzicht auf sexuelle Handlungen mit jemand anderem als dem Ehepartner (siehe auch Treue). Sozialer Hintergrund ist, dass das entblößte Haupthaar in diesen (wie auch in vielen anderen historischen und gegenwärtigen) Gesellschaften als sinnlicher (sexueller) Reiz empfunden wird.